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    Was wir hier eigentlich tun

    Es sind ja immer die kleinen Geschichten, die den Zauber ausmachen. Die Begegnungen mit den Menschen der Region. Die zufällig entdeckten Details in der Landschaft oder in den Orten des Landkreises, die uns amüsant, wunderschön, ungewöhnlich oder auch ein bisschen merkwürdig erscheinen. Kurz: Wir sind hier, um aus norddeutscher Perspektive den Reiz des Südens zu beleuchten. Oder eine Nummer kleiner: Wir wollen wissen: Was hat der Landkreis Waldshut zu bieten, wie nimmt er uns auf, einen schreibenden Rheinländer, eine fotografierende Niedersächsin und eine freundliche ungarisch-stämmige Jagdhündin – inzwischen allesamt gemeinsam in der Nähe von Hamburg zuhause.

    Tag 1 – Hotzenwald, Höllbachwasserfälle und die Ente von Segeten

    Sonntagmorgen. An unserem ersten Tag wollen wir durch den Hotzenwald spazieren, angeblich einem Teil der „Sonnenterrasse des Südschwarzwalds“, wie wir im Vorfeld gelesen haben. Am frühen Morgen steht die Sonnenterrasse allerdings unter Wasser. Sieht zwar nicht aus wie daheim in Schleswig-Holstein, fühlt sich aber so an: Der Nieselregen kriecht unter jede Kleidungsschicht. So war das nicht bestellt. Doch bevor ich meine schlechte Laune ausbauen kann, erinnere ich mich rechtzeitig an das Bonmot eines Wettermannes: „Die unangenehmsten Klimazonen sind die Misant(h)ropen…“ Also, fröhlich bleiben, hilft ja nichts. Klärchen und ich wandern frühmorgens durch den Hotzenwald bei Oberwihl, kein Mensch zu sehen außer uns, immerhin ein Reh aus Stein als Objekt der Begierde meines Vierbeiners. Perfekte Vorrausetzungen, um im einsamen Forst zu entschleunigen oder sogar dieses „Waldbaden“ mal zu versuchen. Kein Mensch begegnet uns an diesem frühen Sonntagmorgen und das liegt nicht daran, dass sich im Schwarzwald niemand für die friedensstiftenden und heilenden Segnungen der malerischen Umgebung interessieren würde. Es ist nur scheinbar so viel davon da, dass sich Urlauber nicht gegenseitig auf die Füße treten. Sie verteilen sich halt. Auch später beim Ab- und Wiederaufstieg zu den Höllbachwasserfällen in Görwihl begegnen uns genau null Menschen. Null. Wer hier nicht entspannt, wird selbst auf einem Friedhof nicht zur Ruhe kommen.

    Doch problematisch ist diese Leere aus anderen Gründen: Wie soll man die Leute der Region kennen lernen, wenn keine Leute aus der Region da sind? Ich las in einem Magazin, dass die Menschen im Schwarzwald störrisch seien, mundfaul und ein wenig misstrauisch sogar. Das käme daher, dass die vorbeiziehenden Fremden früher immer aus dem „schwarzen Wald“ gekommen seien, Ganoven und Geschmeiß zuweilen, und dass man da eben eine gewisse Vorsicht habe walten lassen müssen. Überschwängliche Gastfreundlichkeit sei da wohl selten angemessen gewesen. Mir als Wahl-Norddeutschem macht das keine Angst. Schließlich gilt in Hamburg und Umgebung jeder bereits als Schwätzer, der seinen Mitmenschen statt einem simplen Moin ein aufdringliches Moin Moin zumutet. Doch als wir schließlich in Görwihl, Strittmatt oder später Segeten tatsächlich einigen Menschen begegnen, stellt sich heraus: Unfreundlich geht anders. Wir fragen nach dem Weg, nach Sehenswürdigkeiten, nach Lieblingslokalen und stellen uns dümmer, als wir es ohnehin schon sind: Doch niemand wird ungeduldig, kein Mensch weist uns ab. Im Gegenteil: Der Hotzenwald lacht uns ins Gesicht.

    Regina Matt zum Beispiel aus Segeten. Zuerst sehen wir nur ihren Wagen am Straßenrand stehen. Ein blauer Citroën, die Älteren kennen diese skurril geformte Kiste noch als „Ente“ und beliebtes Gefährt von Studenten und Atomkraftgegnern in den siebziger- und achtziger Jahren. Wir halten sofort an. Toller Wagen, wer fährt denn sowas noch? Wir sehen einen älteren Herrn am Gartenzaun stehen: Oskar Matt. Nicht der Fahrer der Ente, das sei seine Tochter Regina, und die hole er jetzt einfach mal. Regina Matt hat derweil Essen auf dem Herd und wenig Zeit, doch egal: Freundlich erzählt sie uns, dass der Wagen – Baujahr 1986 – schon ihre dritte Ente sei und eine Art Hobby, ein geliebtes Sommerfahrzeug. Wir plaudern bald schon auch über den tollen Garten ihres Vaters, und sie weist uns auf die ungewöhnlichen Glasstangen hin, die den Garten begrenzen. Es stellt sich heraus, dass diese früher einmal zu Webstühlen gehört haben, mit denen die Familie bis in die achtziger Jahre hinein einen kleinen Betrieb im Nebenhaus geführt haben. Und Oskar Matt habe bis vor einigen Jahren noch den Webstuhl im Heimatmuseum Görwihl betreut. (Später wollten wir uns „seinen“ Webstuhl im Heimatmuseum anschauen, doch leider: Corona-Pause.) Ob er uns vielleicht verraten könne, wie alt er sei. Da lächelt Oskar Matt, überlegt offenbar einen Moment und sagt leise, aber mit klarer Stimme: „96 Jahr bin i scho jetzt.“ Und dann lächelt er uns an und zuckt kurz mit den Schultern, so als ob er sagen wollte: Ich kann es selbst nicht glauben. Ein schöner Moment, rührend fast, eine von den Begegnungen, an die man sich lange erinnert.

    Das gilt – auf andere Weise – auch für Emma und Maja, die beiden Schwestern, die uns ebenfalls im hübschen Segeten über den Weg laufen. Die beiden springen aus einem alten, braun gestrichenen Wohnwagen, was einigermaßen amüsant wirkt, denn sie sind drei Jahre alt und … Ziegen. Sie gehören zur Familie von Johannes, den wir aus dem Haus geklingelt haben, um mehr über die neugierigen Tiere in ihrem modischen Verhau zu erfahren. Auch hier: Weder Vater noch Sohn wundern sich über diese aufdringlichen Menschen, die plötzlich vor ihrer Tür stehen und dumme Fragen über die beiden Ziegen in ihrem Garten stellen. Nach einem Tag schon sind wir überzeugt: Das Magazin, das vermeintlich Bescheid weiß über die störrischen, sturen Schwarzwälder? Alles Fake News!


    Der Test des Tages

    Scheint in Segeten wirklich immer die Sonne?

    Wir haben uns natürlich vorbereitet auf diese Woche im Kreis Waldshut, wir sind ja keine Amateure. Und gelesen: In Segeten scheint angeblich oft, sehr oft, eigentlich immer die Sonne! Schon einige Male sei der Stadtteil von Görwihl – 917 Meter hoch gelegen – die sonnenreichste Gemeinde Deutschlands gewesen. Sogar Jörg Kachelmann sei schon da gewesen und hat 2009 eine Wetterstation in Segeten eingeweiht. Na gut, Ihnen müssen wir das vermutlich nicht erzählen, Sie leben ja hier. Uns aber erschien diese Information wie eine Sensationsmeldung aus dem Märchenland. Bei uns zuhause im Norden werden Gemeinden für riesige Regenauffangbecken und robuste Windräder prämiert.

    Wir fuhren im leichten Niesel aus Oberwihl los. Ein wenig skeptisch, müssen wir zugeben. Kaum hatten wir ein paar Orte mit lustigen Namen – Herrischried, Hogschür – durchfahren, wartete auch schon Segeten auf uns, eine letzte Anhöhe - schon standen wir in diesem charmanten, von bunten Blumenwiesen und schick eingezäunten Gemüsebeeten geprägten Ort in der… Tusch… SONNE! Okay, es war vermutlich nur ein Zufall und/oder eine Laune der Natur, doch just in dem Moment, als wir den Ortseingang passierten, verzog sich die Wolkendecke und Segeten lieferte. Als wir diese kleine Geschichte später einem Freund aus der Umgebung erzählten, zuckte der nur mit den Schultern. „Segeten ist halt ein Kraftort, das merkt man doch sofort.“


    Das Foto des Tages

    Was: Die Herz-Jesu-Kirche in Strittmatt

    Warum: Nicht etwa, weil wir so eifrige Kirchgänger wären oder uns mit Kunstgeschichte so gut auskennen würden. Es war mehr die etwas geheimnisvolle Ausstrahlung der Kirche, als ob´s eine Kulisse aus „Game of Thrones“ wäre. Und der Rabe als diensthabender Postbote in der Fantasy-Serie wäre hier auch schon mit im Bild. (Oder was immer das für ein Vogel ist, der da auf seinen Auftrag wartet.)


    Der perfekte Moment

    Es war nicht ganz so leicht für uns Flachländer aus dem Norden, den Weg von Görwihl hinunter zu den Höllbachwasserfällen zu gehen, ohne uns ständig auf regenrutschigen Wegen auf den Hintern zu setzen. Nur der Hund machte eine halbwegs elegante Figur. Nun. Wir haben es irgendwie geschafft und würden gerne behaupten, der perfekte Moment sei der gewesen, an dem wir schließlich am Ziel das grandiose Wasserfall-Spektakel bestaunen konnten. Stimmt aber nicht. Der perfekte Moment war, als wir später nach einem überaus mühsamen, endlos steilen Aufstieg – der uns vorkam wie eine Bergetappe der Tour de France, nur ohne Räder – endlich wieder Görwihl erreichten und uns auf der Terrasse des „Warm Up“-Cafés von charmanten Bedienungen Käsesahne und Heißgetränke an den Tisch schleppen ließen. Albert Hammond sang „Free Electric Band“ vom Band dazu, Motorradfahrer aus der Schweiz unterhielten sich am Nebentisch in einer Sprache, deren Worte an eisenschweren Gewichten zu hängen schienen und die Sonne lachte auch wieder für einen Moment. Wie fröhlich so eine Erschöpfung nach einer Wanderung machen kann …


    Wie wars für Klärchen

    Überwiegend angenehm. Abgesehen vom Regen beim ersten Spaziergang am frühen Morgen im Hotzenwald, denn Klärchen ist eher so eine Schönwetter-Soldatin, die ihr Fell gern in der Sonne ausführt. Erster Höhepunkte des Tages: Das Treffen mit Bambi im Garten vor unserer Pension, das ausgiebig gefeiert wurde. Punkt zwei: die Bratwurst im Görwihler „Adler“, die dank gezielter Bettel-Blicke immerhin zur Hälfte in ihrem Magen landete. (Herzlichen Dank nochmal an Mutter und Tochter im „Adler“, die uns mit vereinten Kräften Essensportionen herbeischafften, die für kanadische Holzfäller bestimmt zu sein schienen …)

    Und schließlich wurde es auch noch wild romantisch: Hinter dem Heimatmuseum in Görwihl wies Klärchen uns auf einen Spruch hin, der dort auf einem Holztäfelchen offenbar an nachlässige Hundehalter adressiert war: „Always kiss your dog goodnight.“ Frechheit. Als ob es vorher Grund für Beschwerden gegeben hätte.