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    Was wir hier eigentlich tun

    Es sind ja immer die kleinen Geschichten, die den Zauber ausmachen. Die Begegnungen mit den Menschen der Region. Die zufällig entdeckten Details in der Landschaft oder in den Orten des Landkreises, die uns amüsant, wunderschön, ungewöhnlich oder auch ein bisschen merkwürdig erscheinen. Kurz: Wir sind hier, um aus norddeutscher Perspektive den Reiz des Südens zu beleuchten. Oder eine Nummer kleiner: Wir wollen wissen: Was hat der Landkreis Waldshut zu bieten, wie nimmt er uns auf, einen schreibenden Rheinländer, eine fotografierende Niedersächsin und eine freundliche ungarisch-stämmige Jagdhündin – inzwischen allesamt gemeinsam in der Nähe von Hamburg zuhause.

    Im Namen der Rose

    Zu den schönen Momenten der vergangenen Tage gehörte das Zusammentreffen mit ganz besonderen Menschen der Region. Manchmal waren das zufällige Begegnungen, aber einige Male mussten wir auf die Expertise einer extrem gut vernetzten Freundin aus der Region zurückgreifen. So hätten wir Monika Viecenz sicher ohne ihre Hilfe nicht gefunden – und das wäre schade gewesen. Wann lernt man schon einmal eine Frau kennen, die gemeinsam mit den Galliern in einem energetischen Zaubertrank gebadet hat …? Die ehemals erfolgreiche Geschäftsfrau, die vor einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Mann beschloss, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, lebt im (für uns Nordlichter) hoch gelegenen 200-Seelen-Ort Gaiß. Sie empfängt uns in einer urigen, mit historischen Artefakten ausgestatteten Scheune, der weite Blick aus großen Fenstern hinunter ins Tal ist unbeschreiblich schön. Hierher lud sie in den zurückliegenden Corona-Monaten immer wieder Freunde auf einen Drink ein, um auch in diesen Zeiten Kontakte nicht abreißen zu lassen – oder auch, um eines ihrer vielfältigen Projekte anzugehen, ohne die sie sich ihr Leben nicht mehr vorstellen kann. Moni Viecenz baut und restauriert Möbel, hämmert, sägt, feilt und sitzt nicht still, niemals. Das zur Scheune gehörige alte Haus allein birgt Restaurations-Potential für arbeitsreiche Jahre, doch ausgelastet ist sie damit scheinbar nicht. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Familienzentrum Hochrhein, bei der Caritas und ist Teil des Teams, das sich im historischen Windberghof um 25 Milchziegen kümmert – und die Werk-Projekte in ihrem Retro-Atelier mit Titeln wie „Trau dich“ oder „Machs doch selbst“ erwähnte ich ja bereits. Im Oktober sind wir wieder hier. Nicht zuletzt, um selbst mal solch ein Projekt zu begleiten. Sind halt ansteckend, die Lebensfreude und die Energie dieser Frau.

     

    Am vorletzten Tag unserer Tour de Landkreis schauten wir nun endlich auch in Waldshut vorbei, dem Zentrum der Region: Vor allem die historische Altstadt mit den schmucken Bauten in der Kaiserstraße und den beiden Toren an den Eckpunkten der Fußgängerzone prägen das charmante Stadtbild. Und das ist eine gute Nachricht, denn oft ist es ja so: Wird man mit verbundenen Augen in die Fußgängerzone einer beliebigen Stadt gestellt und soll nach der Demaskierung sagen, wo man sich befindet, ist man doch oft völlig aufgeschmissen. Sieht ja alles gleich aus … In Waldshut kann das nicht passieren: Wer vor dem prächtigen Haus der „Konditorei Albrecht“ oder dem Wirtshaus „Zum wilden Mann“ steht, weiß sofort: Das hier muss Waldshut sein.

     

    Gelacht haben wir aber auch, ich gebe zu, ein wenig spöttisch. Nehmen Sie es uns nicht übel, aber welcher Siebenjährige durfte denn sein erstes Verslein aus dem Poesiealbum an die Wand des „Schaffhauser Tores“ malen? „Ich streich das Geld in meinen Hut, die Stadt soll heißen Waldeshut.“ Hallo? Mir hat diese Frage keine Ruhe gelassen, also schlug ich nach. Offenbar hat ein verhutzeltes Männchen aus Hauenstein im Jahre 1249 einen Kreativwettbewerb gewonnen, in dem es darum ging, den besten Namen für eine neue Ansiedlung an der Mündung des Seltenbachs zu finden. Wenn das Männlein mit seinem Vers verdient gewonnen haben sollte, würde ich gern mal die anderen Vorschläge hören …

     

    Zum Abschluss des Tages wollten wir uns das Rosendorf Nöggenschwiel ansehen, was sich als gute Idee herausstellen sollte, gleich aus mehreren Gründen. Von einem erzähle ich später noch in der Rubrik „Der perfekte Moment“, er hat wie erwartet mit der rosigen Schönheit der Gemeinde zu tun und auch ein bisschen mit den lustigen Alpakas Seppli (weiß) und Gustav (braun). Sie gehören zur „Gret-Stube“ in Nöggenschwiel und stehen gleich hinter diesem bezaubernden Bauernhaus von 1865, das Café, Restaurant, Hotel und Wellnessoase gleichzeitig sein will und noch viel mehr ist als die Summe seiner Einzelteile: ein Wohlfühlort, an dem jeder gleich aufs Herzlichste in Empfang genommen wird.


    Der Test des Tages

    Welches Bier schmeckt besser: Waldhaus oder Rothaus?

    Privatbrauerei gegen Badische Staatsbrauerei, in unserem Fall: Ohne Filter Naturtrüb gegen Tannenzäpfle. Ein Donnerhall-Duell, wie werden sich die Jever, Holsten & Astra-verwöhnten Nordlichter bloß entscheiden? Und wird das zum Politikum? Ort der Verkostung: Rastbank am Rheinufer zu Waldshut. Wir beginnen mit dem naturtrüben Waldhaus-Getränk. Lecker, fruchtig, leicht – sommerlich. Doch, das kann was. Das Tannenzäpfle aus dem Rothaus kennen wir zwar schon, weil der hiesige Folklore-Drink auch in Schleswig-Holstein bekannt und erfolgreich ist, aber wir trinken trotzdem ein Fläschchen. Der direkte Vergleich, das verstehen Sie ja sicher? Malziger ist es auf jeden Fall, aber auch erfrischend-fruchtig und im Abgang ein wenig männerbitter. Auch lecker. Die Jury berät sich und trinkt sicherheitshalber noch jeweils eine Flasche, kommt dann aber zu dem Ergebnis: Vertagung, neuer Test zeitnah. Es würde für die Entscheidungsfindung natürlich helfen, wenn die Brauereien ein wenig Testmaterial zur Verfügung stellen würden. Das Kulturamt im Landratsamt hat unsere Adresse. Gute Geschäftsleute schreckt sicher auch ein langer Lieferweg nicht ab.


    Das Foto des Tages

    Was: Eine angekokelte Bratwurst

    Warum: Gleich hinter dem oberen Stadttor, welches, wie ich heute lerne, auch als „Schaffhauser Tor“ bekannt ist, befindet sich linker Hand eine Imbissbude. So weit nicht ungewöhnlich. Allerdings wirbt dieser Speisebetrieb mit einer übergroßen Bratwurst, die mir gleich ein mitleidiges Lächeln aufs Gesicht zauberte. Ich grille für mein Leben gern, kann es aber nicht: Bei mir kokelt die Wurst immer gleich an, weil ich nicht abwarten kann und sie zu früh der noch viel zu heißen Holzkohle aussetze. Das Ergebnis: Von außen sieht die Wurst aus, als habe man sie aus einem Braunkohle-Gebiet importiert (schwarz-braun), von innen ist sie noch kalt und roh. Im Grunde sieht sie also genauso aus wie das, was der Waldshuter Imbiss für eine gute Marketing-Idee hält. Ich bezweifle, dass beim Anblick dieser Werbe-Wurst irgendjemand denkt, oh, da hab ich jetzt aber Lust drauf. Wer auch immer dafür zuständig war: Ich fühle mit ihm!


    Der perfekte Moment

    Wir leben in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg, es heißt Horst und unser Nachbar – nur etwa 300 Meter Luftlinie entfernt – ist die Gärtnerei Sievers. Das interessiert Sie nur wenig, völlig berechtigt, ich erzähle es trotzdem. Heute Nachmittag nämlich besuchten wir wie erwähnt das Rosendorf Nöggenschwiel im Naturpark Südschwarzwald, schließlich sehen Blumen schön aus und machen gute Laune, vor allem, wenn sie so gehäuft wie hier aufblühen. In Nöggenschwiel dreht sich seit 1970 viel, sehr viel um die Rose, sie schaffte es sogar aufs Dorf-Wappen. In jedem Garten, vor jedem Haus, auf jeder Wiese in Nöggenschwiel: Rosen in großen Dosen. Und nun die Sensation – also für uns: Auf einer Gedenktafel wird all denen gedankt, die 1970 durch üppige Rosenspenden dafür sorgten, dass Nöggenschwiel sich den Titel Rosendorf zurecht verliehen hat. Und was sehen unsere Augen? Einer der Sponsoren war tatsächlich unsere brave Gärtnerei Sievers aus Horst. 900 Kilometer entfernt stehen wir plötzlich vor den Früchten der Arbeit, die unser Nachbar geleistet hat. Kann das Zufall sein? Offenbar will uns das Schicksal etwas mitteilen. Wir sind noch nicht ganz sicher, was es ist. Für den schönsten Moment des Tages hat es aber auf jeden Fall gereicht.


    Wie wars für Klärchen

    Heute wurde international gekaspert: In der Fußgängerzone von Waldshut traf Klärchen nach einem überwiegend ereignislosen Vormittag einen Schweizer Golden Doodle, der gleich sehr offensiv Interesse bekundete. Klärchen war nicht abgeneigt, man fand Gefallen aneinander und wollte sich kaum mehr trennen. Wir hatten allerdings nach einem Blick auf seine Trikotbeflockung den Verdacht, dass der Schweizer Vierbeiner ein echter Hallodri sein muss. Stand da doch selbstbewusst: Herzensbrecher! Kein Umgang für unseren sensiblen Hund, fluchtartig verließen wir den Schauplatz, bevor es zu weiteren Frivolitäten kommen konnte. Es war nur zu Klärchens Bestem! Allerdings war der Hund so aufgedreht, dass er später mit zwei artfremden Lebewesen mit merkwürdigen Frisuren und langen Hälsen kuscheln wollte: Seppli und Gustav. Der Beweis: Klärchen braucht 24 Stunden am Tag strenge Betreuer.