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    Was wir hier eigentlich tun

    Es sind ja immer die kleinen Geschichten, die den Zauber ausmachen. Die Begegnungen mit den Menschen der Region. Die zufällig entdeckten Details in der Landschaft oder in den Orten des Landkreises, die uns amüsant, wunderschön, ungewöhnlich oder auch ein bisschen merkwürdig erscheinen. Kurz: Wir sind hier, um aus norddeutscher Perspektive den Reiz des Südens zu beleuchten. Oder eine Nummer kleiner: Wir wollen wissen: Was hat der Landkreis Waldshut zu bieten, wie nimmt er uns auf, einen schreibenden Rheinländer, eine fotografierende Niedersächsin und eine freundliche ungarisch-stämmige Jagdhündin – inzwischen allesamt gemeinsam in der Nähe von Hamburg zuhause.

    Kunst kommt von Leben!

    Ein wunderschöner Bauerngarten in Happingen auf dem Dachsberg. 9 Uhr morgens. „Kommt sofort her, hier ist der Mittelpunkt!“ Meint der Kerl das ernst? Conrad Schierenberg (82) klingt unwirsch und sehr laut – und dann schießt er auch schon mit wehendem schlohweißem Haar vom Tisch auf uns zu, die wir gerade erst von Conrads Ehefrau Mechthild Ehmann begrüßt werden. Okay. DAS ist mal ein Auftritt. Mechthild Ehmann (56) lächelt bloß, der Gesichtsausdruck changiert zwischen leisem Spott und gespielter Strenge: „Benimm dich“ sagt sie, auch Conrad Schierenbergs Augen schimmern nun amüsiert. Der Mann tut nichts, der will nur spielen. Aber das macht er mit Verve: Er, ein künstlerischer Allrounder, alemannischer Dichter, Maler, Weltbürger und Sprachjongleur. Wir sind gekommen, um mit ihm und seiner gleich glasklar und herzenswarm wirkenden Frau zu frühstücken, der Künstlerin Mechthild Ehmann: Steinmetzlehre, Studium der Bildhauerei, erfolgreiche Skulpturistin. Sie zeigt uns voluminöse und gleichzeitig fragile Glasskulpturen, an denen sie gerade arbeitet, er trägt ein alemannisches Gedicht vor und schlurft durch sein großflächig mit eigenen Werken ausgestattetes Atelier. Ein Treffen wie ein Flipper-Spiel, die Themen wechseln in Sekunden, die Ideen sprudeln, diese beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Menschen entwickeln zusammen aus dem Stand eine Aura kreativen Dauerfeuers. Wie sagte schon der Schriftsteller Rainald Goetz: „Ich finde es gut, überfordert zu sein. Die Unsouveränität halte ich für eine richtige Position des Geistes.“ Nun können Sie vielleicht nachvollziehen, wie ich mich in den ersten Minuten in der Gegenwart dieser beiden Menschen fühle. Und doch wird im Laufe des Morgens deutlich: Kein Grund, Scheu zu zeigen oder Berührungsängste: Hier sind nur zwei besonders begabte Menschen dabei, ein intensives Leben zu gestalten; überall Kunst um sich herum, Ideen, Pläne – es ist ein reiches Leben. Er drückt uns zum Abschied ein Buch in die Hand, „Liest keine Sau“ heißt es und birgt Schierenbergs Verse. Wir verabschieden uns mit dem Gefühl, bereichert worden zu sein.

     

    Beseelt fahren wir wieder los aus Happingen, Zielrichtung Ibach – und halten schon an der übernächsten Biegung: Hier sitzen die beiden Radler Winfried Haunschild (70) und Christoph Frevel (68) aus Lörrach und machen eine kleine Pause. Regelmäßig fahren sie auf ihren Rennrädern die hügeligen Strecken der Umgebung, passionierte Sportler mit der festen Absicht, sich dem Alter und seinen Begleiterscheinungen nicht zu beugen. Wir plaudern ein paar Minuten, verabschieden uns – und treffen uns schon fünf Minuten später im „Ibacher Bushäusle“ erneut. Das kennt Christoph Frevel bereits: offenbar sind wir nicht die Einzigen, die dieses Bushäuschen-Wohnzimmer skurril und liebenswert finden. Fazit unseres erneuten Gesprächs: Zum Radeln ist der Schwarzwald ein Traum – jedenfalls für Leute, die an überdurchschnittlicher Fitness interessiert sind. Der beste Satz in diesem Zusammenhang stammt von Winfried Haunschild: „Ich will nicht ausschließen, dass ich mir aus Altersgründen irgendwann ein E-Bike zulege.“

    Eigentlich wollen meine Gattin, Klärchen und ich uns nun in Ibach umsehen, doch dann widerfährt uns ein Missgeschick, das zu einer unschönen Programmänderung führt: Wir müssen die Tour an diesem Tag früh beenden, nennen wir als Grund „technische Probleme“ … Und ich entschuldige mich in diesem Zusammenhang ausdrücklich dafür, dass einige der ab jetzt ausschließlich von mir produzierten Fotos qualitativ ein paar Klassen unter denen meiner Frau liegen.


    Der Test des Tages

    Schmeckt die Schwarzwälderkirsch-Torte im Café Bockstaller wirklich so gut?

    Todtmoos sei hübsch, aber schön touristisch, wurde mir im Vorfeld im Zuge meiner harten Recherchen mitgeteilt … Ich solle aber trotzdem unbedingt hin, auch ohne Gattin und gescheite Kamera. Weil, ja weil: „Die Schwarzwälder Kirschtorte. Im Cafe Bockstaller. Ein Traum!“ Ich also fröhlich nach Todtmoos angereist, auf Kalorien und Genuss eingestellt. Erst mal eine Runde durch den Ort, der als heilklimatischer Kurort eine Menge Gäste anzieht. Mildes Reizklima, viel Sonne, reine Luft – die Eckdaten stimmen. Erster Eindruck: Eine Menge schicke Hotels, charmante Häuserzeilen, schmucke Gassen – und eine Menge Souvenirgeschäfte mit allerlei Preziosen aus dem Schwarzwald. Eindeutig: Todtmoos ist ein Ort, der Erinnerungen produziert. Was wohl in einer Kellerbar namens Pferdestall abgeht, die als Zielgruppe „Junge und Jung Gebliebene“ anspricht? oder in der Bar, die sich „MiNi-Rock“ nennt? Bald schon fiel mir allerdings auf, dass nicht nur meine Frau und ihre Kamera, sondern auch Todtmoos eine Verschnaufpause brauche. Ruhetag!!! Mich beschlich ein garstiger Gedanke: Das „Café Bockstaller“ wird doch nicht… Aber doch, auch hier: Mittwoch Ruhetag. So viel zu meinen harten Recherchen. Ich improvisierte und hockte mich stattdessen in die einzig offene Lokalität, dem „Hotel-Restaurant Maien“, musste dann aber aus dem Mund des freundlichen Dienstmannes vernehmen: „Schwarzwälderkirsch ist aus!“  Es sollte einfach nicht sein. Ich nahm nun den Apfelstrudel, der war prima, aber eine Rechnung mit Todtmoos bleibt vorerst offen: Noch ist der ganze Kuchen nicht gegessen!


    Das Foto des Tages

    Was: Bushäusle Ibach

    Warum: Weil die Idee so außergewöhnlich ist und die Umsetzung wunderbar: Das Bushäusle am Ortsrand von Ibach ist Kult. (Sorry für diese oft inflationär verwendete Vokabel, aber hier trifft sie mal zu.) Die Bushaltestelle steht genau neben dem Haus von Karin Fischer – vor einigen Jahren dachte sich die gebürtige Kölnerin, dass man die schnöde Haltestelle doch mal etwas gemütlicher gestalten könne. Machte sie dann einfach: Inzwischen ist die rundum und durchaus kreativ dekorierte Hütte so etwas wie der inoffizielle Versammlungsort der Ibacher – neben Plakaten, Lämpis und Figuren steht auch immer ein Getränk zur Verfügung, es gibt spontan anberaumte Feiern hier und manchmal, ja manchmal wartet hier drin tatsächlich jemand auf den Bus. In Norddeutschland geht man mit solchen Warteplätzen eher nüchtern um, deshalb fiel mir schon vorher auf, dass hier im Schwarzwald viel Mühe darauf verwendet wird, diese Häuschen etwas persönlicher zu gestalten. Doch das Bushäusle in Ibach toppt alles. Darin könnte man glatt einziehen.


    Der perfekte Moment

    Später Nachmittag, die Sonne über dem Südschwarzwald zieht sich so langsam zurück, das Licht wird klarer, die Stimmung versöhnlich, über dem Klosterweiher auf dem Dachsberg kabbeln sich einige Vögel, von der Seeblick-Terrasse des Landgasthofes Klosterweiherhof ist das leise, zufriedene Murmeln der Gäste zu hören, die es sich unter den Sonnenschirmen gemütlich gemacht haben. Ich stehe an einem kleinen Steg direkt vor dem Weiher, wo sonst Angler ihr Glück versuchen. (Oder ihre Kunst anwenden, alles eine Frage der Perspektive …) Atmen. Endlich, ein bisschen Frieden. (Nicht der aus dem Schlager!) Wie soll man´s sagen? Mit den Worten Ernst Ferstls vielleicht: „Ausgeglichenheit verlangt ein gewisses Maß an Gelassenheit.“


    Wie wars für Klärchen

    Dumm gelaufen. Heute ließ sich kein Eisspender blicken. Stattdessen: Beim morgendlichen Frühstück im Garten von Mechthild Ehmann und Conrad Schierenberg tauchte der Kater der beiden Künstler auf und zeigte unserer Zimtnase mit Krallen und Gefauch, wer hier die Ansagen macht. Größenvorteil hin oder her – unser Wischel verzog sich sicherheitshalber unter den Tisch. Auch der versprochene lange Spaziergang in Ibach fiel aus. Wer den Hund kennt, weiß: Da muss morgen mehr kommen, sonst droht Ärger. Wir stehen unter Druck!

    Die Reise im Überblick