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    Was wir hier eigentlich tun

    Es sind ja immer die kleinen Geschichten, die den Zauber ausmachen. Die Begegnungen mit den Menschen der Region. Die zufällig entdeckten Details in der Landschaft oder in den Orten des Landkreises, die uns amüsant, wunderschön, ungewöhnlich oder auch ein bisschen merkwürdig erscheinen. Kurz: Wir sind hier, um aus norddeutscher Perspektive den Reiz des Südens zu beleuchten. Oder eine Nummer kleiner: Wir wollen wissen: Was hat der Landkreis Waldshut zu bieten, wie nimmt er uns auf, einen schreibenden Rheinländer, eine fotografierende Niedersächsin und eine freundliche ungarisch-stämmige Jagdhündin – inzwischen allesamt gemeinsam in der Nähe von Hamburg zuhause.

    Trompeten, Hüte und das Möbel-Rätsel

    Montagmorgen. Es schüttet wie im Glasgower Herbst. Wir beschließen, es heute etwas städtischer anzugehen. Wanderungen in den Regenwäldern der Region sollen andere unternehmen. Auch der Hund schaut verständnislos aus dem Fenster auf die grauen Regenwolken über Oberwihl. Also Bad Säckingen. Das muss ein amüsanter Ort sein, der sich in seinem Stadtteil Wallbach ein „Müllmuseum“ gönnt. Leider, leider macht uns auch hier Corona einen Strich durch die Rechnung: Bis auf Weiteres ist das Müllmuseum geschlossen. So werde ich wohl nie erfahren, was der ehemalige Planierraupenfahrer Erich Thomann der Mülldeponie „Lachengraben“ wieder entrissen hat, um es in seinem „Museum“ auszustellen. Aber ich mag den Mann und die Idee auch jetzt schon.

    Apropos Müll. Nachdem der Pflichtbesuch beim heiligen Fridolin im Bad Säckinger Münster so einen erstaunlich musikalischen Verlauf nahm (siehe weiter unten: Der perfekte Moment) stromerten Hund, Gattin und ich durch die angrenzenden, durchaus idyllischen Sträßchen Bad Säckingens. Wir lernten Wissenswertes: Warum das urige Traditionshotel mit angeschlossenem Restaurantbetrieb „Zum schwarzen Walfisch“ heißt, zum Beispiel, obwohl der Walfisch als solcher in den Annalen der Stadt mangels Meer in der Nähe keine große Rolle gespielt haben dürfte. Ganz einfach: Der Name basiert auf einem Trinklied, das der „Trompeter von Säckingen“-Dichter Victor von Scheffel sozusagen im Nebenerwerb verfasst hatte: „Im schwarzen Walfisch zu Askalon“ hieß es und erfreute sich, so die Sage, in Bad Säckingen in einem Lokal gleichen Namens stets „becherklingender“ Beliebtheit. Ganz unser Humor.

     

    Einige Meter weiter landen wir dann wieder beim Müll, obwohl das für Marc Lais sicher wie eine Beleidigung klingt. Stimmt ja auch: Was in seinem vorzüglichen Laden „ZEITgeist“ angeboten wird, ist das Ergebnis sogenannten Upcyclings und hat sich der Kultur des nachhaltigen und ökologischen Handels verschrieben. Klingt Ihnen zu abstrakt? Dann so: Alt- und ausgediente Materialien werden hier für fein designte Produkte wiederverwertet: Taschen aus Feuerwehrschläuchen, Ringe aus Coladosen und altem Besteck, Dosen aus recycelten Magazinen – alles ist möglich, nichts ist unnütz. Dazu ist das Innenleben des ZEITgeist die beste Visitenkarte für die Philosophie des Geschäfts: Aus einfachen Materialien haben Marc Lais und sein Partner Stephan Würtenberger einen urbanen, stilsicheren Showroom erschaffen. Ein besonderes Business in adäquatem Rahmen – hätten wir auch in Berlin oder Hamburg finden können, und das klingt hoffentlich nicht arrogant, sondern ist ganz wertschätzend gemeint.

    Wir schlendern bestimmt noch zwei Stunden durch die – inzwischen längst sonnengeflutete Stadt – und entdecken die beeindruckende Holzbrücke, die Bad Säckingen mit der Schweiz verbindet. Schräge, beinahe surreale Vorstellung, dass sie während des „Corona“-Lockdowns nicht mehr passierbar gewesen sein soll – fast wie im Mittelalter mutet das an, gerade bei der altertümlichen Ausstrahlung der berühmten Brücke. Wir staunen im Schlosspark Schönau über eine amüsante Kakteen-Skulptur und befragen verlegene Mitbürger nach ihren „Trompeter“-Kenntnissen (siehe Der Test des Tages). Lasen amüsiert, dass der Gallusturm am Hochrhein von der Narrenzunft des Ortes wiederaufgebaut worden war und, Achtung: „ein Bollwerk gegen Trübsal“ sein solle. Nochmals: Genau unser Humor! Wir spazieren am Nachmittag auch noch in Wehr durch den Sagenpfad am Schlössle, bemerken aber schon nach kurzer Zeit, dass wir möglicherweise nicht mehr ganz die Zielgruppe für diese Wanderung sein dürften. Warum die weltberühmte Geigerin Ann Sophie Mutter übrigens – die ja aus Wehr stammt – mit ihrer ganzen Sippe im Clinch liegt, war auch auf dreisteste Nachfrage unsererseits nicht in Erfahrung zu bringen. Loyale, wehrhafte Leute, diese Wehrer.

    Eines aber beschäftigt meine Gattin und mich seit Stunden, und falls sich jemand von Ihnen berufen fühlt, uns aufzuklären, dann bitte kontaktieren Sie uns auf der Stelle: Wir standen am Montagmittag so fasziniert wie fassungslos vor dem Schaufenster von Möbel Faller in der Bad Säckinger Rheinbadstraße 20: Der Laden wirkte, als sei er irgendwann Mitte der siebziger Jahre überstürzt geräumt und seitdem nie wieder betreten worden. Inzwischen längst zu Kultobjekten avancierte 70er-Jahre-Möbel stauben hier hinter ungeputzten Schaufenstern langsam vor sich hin. Das Pop-Art-Streifen-Sofa würden wir sofort nehmen! Allein uns fehlt der Glaube, dass sich hier noch jemals eine Ladentür öffnen wird. Was zum Teufel ist hier passiert?


    Der Test des Tages

    Kennen die Bad Säckinger Ihren Trompeter?

    Ich gebe zu: Vom Trompeter von Säckingen hatte ich schon mal gehört. Vage. Was es aber mit dem Blasmusikanten wirklich auf sich hat, der es in Bad Säckingen zu einer Art Wahrzeichen gebracht hat? Obs vielleicht sogar ein historisches Vorbild dafür gibt? Keine Ahnung. Vor Ort wollte ich wissen: Kennen die ihren Trompeter? Wo könnte man das besser testen als im Schlosspark Schönau, wo eine Statue zu Ehren des berühmten Trompeters mitten im liebevoll bepflanzten Garten vor dem Schloss steht.

    So lief es: Wir fragten 10 Passanten nach dem Zufallsprinzip: Was hat es mit dem Trompeter von Säckingen auf sich? Fünf von ihnen meinten sich zu erinnern, dass es sich dabei um die Geschichte einer unglücklichen Liebe handeln würde. Bestes Zitat: „Irgendsowas wie Romeo und Julia, nur mit Musik.“ Na ja. Nah dran … Drei von den fünf Leutchen wussten immerhin noch, dass ein Dichter namens Scheffel den „Trompeter“ irgendwann im 19. Jahrhundert erschaffen habe. Beim Rest: Schweigen im Walde respektive im Park. Immerhin waren zwei unserer Testpersonen nicht aus Bad Säckingen, sondern von weither angereist. Okay, eine repräsentative Umfrage war das wohl kaum. Ich behaupte trotzdem mal frech: Es gibt Städte, die wissen mehr über ihre Kultfiguren.


    Das Foto des Tages

    Was: Die Modistin Helena Bruchhäuser

    Warum: Die originelle, schon auf den ersten Blick sympathisch-stilsichere Auslage lockte uns wie auf Schienen in dieses Geschäft. Dort empfing uns eine freundliche, mit dem ganzen Körper lachende junge Frau: Mit gerade mal 28 Jahren führt die Modistin Helena Bruchhäuser nun schon seit 2016 das Hut-Geschäft ihrer Großtante Ruth Stoll. Die gab den Laden in der Bad Säckinger Innenstadt erst mit 93 Jahren (!) auf – Respekt. 2016 war Helena Bruchhäuser damit die jüngste Geschäftsführerin der Stadt – nochmal Respekt. Wer Menschen mit einer Passion schätzt – in Helena Bruchhäusers originellem Hutsalon werden Sie geholfen.


    Der perfekte Moment

    Kirchenbesuche gehören im Grunde nicht zu unseren beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Erwähnten wir ja bereits. Trotzdem waren wir gestern wieder in einer: Im Dienste der Wahrheitsfindung zog es uns ins St. Fridolinsmünster, schließlich ist Fridolin ja der Stadtpatron von Bad Säckingen und das Münster das dominante Bauwerk der Innenstadt. Was soll man sagen: Wir wurden belohnt. Als wir die Kirche kurz nach high noon besuchten, wurde einem jungen Musikanten gerade eine Lektion vom Organisten erteilt. Die Bad Säckinger Orgel – wie ich nun weiß, äußerlich einer Barockorgel aus dem Jahr 1758 nachempfunden und sehr viel prunkvoller als das, was man uns in Norddeutschland gemeinhin als Kirchenorgel andreht – dröhnte mit der Gewalt eines Def Leppard-Konzerts auf uns hinunter. Musikalischer Pathos und architektonischer Gestaltungswille sorgten für beste Stimmung im Kirchenschiff – danke dafür. Unser Orgelkünstler Nikolas Volz ließ sich erst nach kläglichem Bitten unsererseits überreden, für ein Erinnerungsfoto zu posieren. Guter Mann, wir bedanken uns herzlich fürs Privatkonzert.


    Wie wars für Klärchen

    Gemischtes Eis, gemischte Gefühle: In Bad Säckingen wurde die Zimtnase mit einem kleinen Becher Eis belohnt (Vanille, Nuss), nachdem sie a. in der Kirche, b. im Design-Laden und c. im Hut-Salon erfolgreich gute Erziehung simuliert hatte. Gleichmutsübungen bei andauernder Langeweile: Respekt. Höhepunkt des Tages: Die Begegnung mit dem spanischen Straßenhund Ramos – nicht Amos, nicht Vamos, nein: „Ramos!“ – im Schlosspark Schönau. Eine kleine Schnüffel- und Spielrunde und der Tag war endlich wieder Klärchens Freund.