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    Was wir hier eigentlich tun

    Es sind ja immer die kleinen Geschichten, die den Zauber ausmachen. Die Begegnungen mit den Menschen der Region. Die zufällig entdeckten Details in der Landschaft oder in den Orten des Landkreises, die uns amüsant, wunderschön, ungewöhnlich oder auch ein bisschen merkwürdig erscheinen. Kurz: Wir sind hier, um aus norddeutscher Perspektive den Reiz des Südens zu beleuchten. Oder eine Nummer kleiner: Wir wollen wissen: Was hat der Landkreis Waldshut zu bieten, wie nimmt er uns auf, einen schreibenden Rheinländer, eine fotografierende Niedersächsin und eine freundliche ungarisch-stämmige Jagdhündin – inzwischen allesamt gemeinsam in der Nähe von Hamburg zuhause.

    Verliebt in Menzenschwand

    „Die Schwärmerei für die Natur kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte“, hat Bertolt Brecht einmal gesagt. Ich zitiere das hier, weil mir meine eigene Natur-Schwärmerei so langsam suspekt wird: Der fünfte Tag nun schon im Schwarzwald und immer noch staunen wir jede Minute über die üppige Schönheit der Wälder und Almen zwischen Bad Säckingen und Dettighofen, zwischen Görwihl, Dachsberg oder Bernau. Ständig halten wir am Straßenrand an, um bezaubernde Aussichten festzuhalten, ungewöhnliche oder außergewöhnlich schöne Gebäude zu fotografieren oder kurze Gänge über hügelige Pfade und auf bunten Blumenwiesen zu genießen. Der liebe Gott hat es gut mit dem Schwarzwald und seinen Bewohnern gemeint – oder wer auch immer für die dekorative Ausstattung der Region verantwortlich ist.

    Den Landkreis Waldshut zu entdecken, heißt aber auch, Jo-Jo spielen zu lernen. Auch heute, auf unserer Tour nach Bernau und seine Umgebung geht es ständig rauf und wieder runter. Immer wieder sind wir auf engen Landstraßen tückischen Haarnadelkurven und langgezogenen Serpentinen ausgesetzt – und müssen dabei aufpassen, weder spillerige Rennradfahrer zu bedrängen noch von Schwadronen brummkreiselnder Motorradpiloten ein Loch in den Kofferraum gerammt zu bekommen. Manchmal fühlt sich der Verkehr auf den hiesigen Straßen an, als würde man am 24-Stunden-Rennen von Le Mans teilnehmen – und die Piloten mit den WT-Kennzeichen fahren auf Sieg … Klar, trantütige Touristen wie wir kennen die Kurven noch nicht alle und sind dem einheimischen Auskenner als steter Bremsklotz keine Freude. Ich verstehe das – trotzdem ist es manchmal ein wenig zu viel Nervenkitzel, wenn sich in einer tückischen Kurve gleich zwei Autos hintereinander stramm links vorbei zwängen. Aber was solls – als gebürtiger Rheinländer sag ich mir, et hätt noch immer joot jejange …

     

    Jedenfalls sind wir froh, hin und wieder auch mal rasten zu können, Gründe gibt’s genug: Wir halten am Hof Berg-Garten beim Klausenhof in Herrischried, wo wir den hübschen „Schaugarten“ in Augenschein nehmen und den Stehli-Fürsten kennen lernen, den kauzigen Wälderphilosophen Johann Arzner. Wir schauen uns moderne Kuckucksuhren und den fein kuratierten Shop „designimdorf“ in Bernau an und mäandern im Zeitlupentempo bis nach Menzenschwand. Hier aber, in dieser bezaubernden Gemeinde St. Blasiens im Tal der Menzenschwander Alb, hier bleiben wir lange. Spazieren in den Straßen dieses dreigeteilten Ortes umher, staunen über die wuchtigen, die mächtigen, aber doch so fein gestalteten und wunderschön dekorierten typischen Holzhäuser des Schwarzwaldes und fragen uns, wie es wohl wäre, an solch einem magischen Ort zu leben. Wie gut, dass gleich in der Nähe mit dem Café und Berg-Beizle „Zum Kuckuck“ eine Gastwirtschaft auf uns wartet, in der wir solch eine Idee bei Ziegenwurst und Schwarzwälder Kirschtorte (endlich!) vertiefen können. Anschließend kämpfen wir uns noch vom „Kuckuck“ bis zum „Menzenschwander Wasserfall“, Luftlinie 200 Meter, wo Klärchen deutlich mehr Kletterehrgeiz entwickelt als seine gut gestopfte Entourage. Schön hier, unbedingt. Aber gegen den nachhaltigen Eindruck, den das Örtchen Menzenschwand auf uns gemacht hat, kann selbst ein eiszeitlicher Gletscher-Rohrbruch plus malerischer Schlucht wenig ausrichten. In Menzenschwand haben wir uns heute verliebt.


    Der Test des Tages

    Sind Kuckucksuhren nur was für Touristen?

    Heide Schmid-Volk kennt die Antwort: „Auf keinen Fall. Sie waren eine Zeit ziemlich out, aber in den letzten Jahren hat die Kuckucksuhr eine deutliche Renaissance erlebt.“ Die Frau muss es wissen, denn sie führt im hübschen Bernau den Laden „Holzgeschenke“, in dem neben Kuckucksuhren noch eine Menge anderer Produkte mit Schwarzwald-Bezug angeboten werden. Rustikale Frühstücksbrettchen, Spielzeug, Bänke, Tische, Stühle – alles aus Holz, meistenteils aus regionaler Produktion. Die Kuckucksuhren zum Beispiel sind aus Neustädter Fertigung. Und wer kauft die jetzt? „Viele junge Familien aus der Region, da gilt der Heimatbezug wieder als modern“, sagt Heide Schmid-Volk und lässt gleich mal zur Demonstration einen besonders lauten Vogel frei: „Kuckuck!“

    Ich bin verblüfft, beinahe sogar ein wenig enttäuscht. Nicht über das Sortiment des Ladens, das ist üppig und fein, wir nehmen ein paar Frühstücksbrettchen aus Eiche mit nach Hause – und eine Gemüsebürste, von der ich bis heute nicht wusste, dass es sowas gibt. Nein, mir gefiel nur die Vorstellung, dass hier in Bernau Menschen aus Tokio und Shanghai auf eine Kuckucksuhr deuten, um sie mit in die Heimat zu nehmen und das typisch deutsch zu finden. Heide Schmid-Volk tröstet mich: „Es war mal eine Gruppe spanischer Musiker hier für ein Seminar, die haben sich am Ende alle eine Kuckucksuhr mitgenommen.“ Immerhin.


    Das Foto des Tages

    Was: Ein Haus, ach was: ein Traum in Menzenschwand

    Warum: Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich in Berlin am Meer in genau so einem Schwarzwaldhaus leben, wie wir es zufällig beim Schlendern im wunderbaren Menzenschwand entdeckten. Das wäre für uns der goldene Schnitt aus allen Möglichkeiten dieser Erde.
    Wir schlichen bestimmt eine halbe Stunde um den Palast aus Holz und Blumenwiese herum, in der Hoffnung, dass uns der Besitzer einladen würde, auch mal ins Innere dieses feuchten Bauherren-Traumes zu schauen. Tja. Die Gardinen haben geraschelt, aber die Familie ist nicht aus der Deckung gekommen …


    Der perfekte Moment

    Ich bin kein großer Freund von Kirchenbesuchen, das erwähnte ich ja bereits. Nicht viel größer ist in der Regel mein Wunsch, mich in Museen über die frühzeitliche Kanalisation in etruskischen Gemeinden oder Münzkabinette in der Kaiserzeit aufklären zu lassen. Das ABBA Museum in Stockholm oder die Neue Pinakothek in München, okay – das sind seltene Ausnahmen. Deshalb weigere ich mich an meinen Urlaubsorten meistens, die hiesigen Heimatmuseen anzuschauen. Für mich: Laaaangweilig. Nennen Sie mich ruhig Kulturbanause, ich kann damit leben. In Bernau-Oberlehen allerdings, so behaupteten meine Frau und so ziemlich alle, mit denen ich in den letzten Tagen über die Must-Do´s im Landkreis Waldshut sprach, wiesen ausdrücklich auf das Museum Resenhof in Bernau hin. Ein ganz anderes Heimatmuseum sei das, ein historisches Schwarzwaldhaus und gleichzeitig ein interessantes „Holzschneflermuseum“ mit vielen kunstvollen Schnitzereien. Also gab ich meinen Widerstand auf und fuhr mit Hund und Gattin nach Bernau, um mir selbst ein Bild zu machen. Das Haus von außen: ein Schwarzwald-Traum, beeindruckend. Kann ich jedem zur Ansicht nur empfehlen. Was das Innere des Museums angeht? Keine Ahnung – war geschlossen, wir waren viel zu früh dort. „Och, wie schade“, kommentierte ich diese Enttäuschung und ballte innerlich die Beckerfaust. Ganz schlimm, ich weiß, im Fegefeuer muss ich damit vermutlich 100 Jahre in der Glasperlen-Abteilung des Louvre absitzen.


    Wie wars für Klärchen

    Deutliche Steigerung zum Mittwoch. Heute Morgen wurde der Kanide nicht bloß mal schnell vor die Tür gestellt, sondern zum längeren Spaziergang in den Hotzenwald bei Oberbihl geladen. Zudem wurde noch ein kürzerer Trip in der Nähe des Menzenschwander Wasserfalls anberaumt – der Regen verhinderte allerdings längere Wege. Der Laune abträglich war zudem, dass wir heute auf Futter-Extra-Portionen und auch ihr Eis verzichteten. Der Hund muss zwei Kilo abnehmen – sagt unser Tierarzt. Im „Kuckuck“ war Klärchen der Verzweiflung nah, als sie uns vor gut gefüllten Tellern sitzen sah, und schaute proaktiv in Taschen und Rucksäcken der Umgebung nach, ob dort möglicherweise etwas vergessen worden war. Ansonsten: Ganz okay, ihr Tag.