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    Was wir hier eigentlich tun

    Es sind ja immer die kleinen Geschichten, die den Zauber ausmachen. Die Begegnungen mit den Menschen der Region. Die zufällig entdeckten Details in der Landschaft oder in den Orten des Landkreises, die uns amüsant, wunderschön, ungewöhnlich oder auch ein bisschen merkwürdig erscheinen. Kurz: Wir sind hier, um aus norddeutscher Perspektive den Reiz des Südens zu beleuchten. Oder eine Nummer kleiner: Wir wollen wissen: Was hat der Landkreis Waldshut zu bieten, wie nimmt er uns auf, einen schreibenden Rheinländer, eine fotografierende Niedersächsin und eine freundliche ungarisch-stämmige Jagdhündin – inzwischen allesamt gemeinsam in der Nähe von Hamburg zuhause.

    Wem die Glocke schlägt

    Tag 3. Der Zürcher Hans weiß noch gar nicht, dass er getestet wird. Er ist der Fährmann, der uns in seinem Kahn gleich von der Anlegestelle Nack in Deutschland rüber nach Ellikon in die Schweiz bringen wird. Geschätzte Fahrtzeit zwei Minuten, normaler Fahrpreis zwei Euro fünfzig. Uns nimmt er ausnahmsweise heute umsonst mit auf diese nostalgische Fahrt, unser Geld liegt im Auto … Er nickt, passt scho … Der Hans Zürcher ist ein lässiger Typ. 24 Jahre macht er nun schon an dieser malerischen Stelle des Rheins den Fährmann, gemeinsam mit Tochter, Sohn und Schwiegersohn – ein leicht gebräunter, drahtiger Mann mit Sonnenbrille und wiegendem Gang. Der Job hält ihn jung. Die 78 Jahre, die er schon auf dem Buckel hat, sind ihm nicht anzusehen. Wir sind froh, ein paar Kilometer durch den Wald bis zur Fähre gewandert zu sein, jeder Meter hat sich gelohnt. Dieses Fähren-Vergnügen hätte ich mir auch auf keinen Fall entgehen lassen wollen: Ich hatte vorher gelesen, dass es in der Schweiz mal eine Verordnung gegeben hat, dass auf der Fähre von Ellikon nach Nack nur „sachkundige, kräftige, dem Trunke nicht ergebene Männer mit normalen Gesichts- und Gehörorganen verwendet werden dürfen.“ Auch wenn sich heute niemand mehr um solch eine amüsante Verordnung kümmert – für den Zürcher Hans wäre sie ohnehin keine Bedrohung gewesen. Der hätte den Job auch vor hundert Jahren bekommen! Wir freuen uns, ihn getroffen zu haben, so wie man sich über ein unverhofftes Geschenk freut oder einen Sommertag im Herbst.

     

    Überhaupt war heute der Tag der besonderen Menschen – und der smarten Sprüche … „Ihr Vorbeigeher und Schauer, sagt mir, wer ist Fürst, Bettelmann oder Bauer“ steht etwa über dem Baltersweiler Käppele, garniert von drei identischen Totenköpfen. Wir sind über langgezogene Feldwege hierher gewandert, vorneweg der Hund, und stehen plötzlich vor dieser niedlichen Kapelle ganz in der Nähe Dettighofens. Dort haben wir uns gerade erst von der freundlichen Bäuerin Dora Gross verabschiedet, die uns ein wenig über ihr wunderbares Eltern-Fachwerkhaus erzählt hat und von der wir zwei Töpfe selbstgemachten Honig aus dem üblicherweise unbewachten Verkaufsstand vor dem Haus erworben haben. Das ist eine Vorrichtung, die wir städtischen Nordlichter selten zu sehen bekommen: Ein Deal auf Treu und Glauben. Brav stecken wir die 12 Euro in die kleine Kasse und freuen uns über das erste Souvenir aus dem Landkreis Waldshut.

     

    Zufällig entdeckten wir in Dettighofen einige Minuten später ein ungewöhnliches Gästehaus: Auf den Zäunen des „Haus-am-Schwarzbach“ stecken derbe Westernboots auf den Begrenzungspfählen … Häh? Es stellt sich heraus, dass die Dame des Hauses eine passionierte Westernreiterin ist und auch Shows mitmacht – und das vermeintlich uralte Fachwerkhaus, in dem die Familie lebt, erst 1996 erbaut worden ist. Kreativer Ansatz, wir sind verblüfft.
    Doch nun stehen wir vor dem Baltersweiler Käppele und bewundern die Aussicht auf das Schaffhauser Klettgau und den Hohentwiel, sogar die Züricher Berge sind von hier aus zu erahnen. Was es mit den Totenköpfen und dem Spruch dazu auf sich hat, erfahren wir auf einer Infotafel: "Lieber Wanderer, bedenke: im Tod sind alle gleich, ob sie nun im Leben König, Bettler oder Bauern waren. Eine Mahnung an die Lebenden, die irdische Hochmut im Angesicht der Ewigkeit zu zügeln."


    Der Test des Tages

    Wie viel Schweiz steckt in Jestetten?

    Für den einheimischen Bewohner des Landkreises mag es Alltag sein, aber dass eine Gemeinde wie Jestetten fest von der Schweiz umzingelt ist, finde ich erst einmal ungewöhnlich. Tatsächlich lerne ich: So etwas wie den Jestetter Zipfel gibt es in ganz Deutschland kein zweites Mal. Da stellt sich für mich doch die Frage: Wie sehr beeinflusst der Schweizer Lifestyle das Lebensgefühl der deutschen Gemeinde? Schon im Vorfeld wurde mir zugeflüstert: Ganz reibungslos läuft das Zusammenleben zwischen Schweizern und Deutschen wohl nicht.

    Das ist  natürlich nur die subjektive Ansicht eines Nordlichts, aber ich sag mal so: Jestetten wirkt wohlhabend und modern, es verfügt in Relation zu seiner Größe über eine Menge Geschäfte, Cafés und Restaurants – der Gemeinde scheint es gut zu gehen. Der Preis dafür ist allerdings auch nicht ohne: An einem harmlosen Dienstagnachmittag schleppte sich eine zähe Blechkarawane – zu neunzig Prozent mit Schweizer Kennzeichen ausgestattet – durchs an sich ganz malerische Städtchen. Ich lese später, dass durchschnittlich 18 600 Fahrzeuge täglich durch den Ort fahren.

    Dass der Schweizer den Franken zum „Billigeinkauf“ nach Deutschland einführt, ist im Prinzip ja völlig okay, und auch Jay, unser Kellner in einem chinesischen Restaurant, findet im Prinzip nichts dabei: „80 Prozent unserer Kunden sind Schweizer! Die meisten sind freundlich.“ Aber es verändert natürlich die Atmosphäre einer Stadt. Das muss man mögen.

    Andererseits: Jestetten hat auch richtig idyllische Ecken: In der Winkelstraße etwa, die ihren Namen nicht zufällig trägt, führt die Schweizerin Erika Schlude schon seit über 20 Jahren einen feinen Blumenladen mit Liebe und Stil. Auch das Haus, in dem sie ihre Blumen bindet, passt zu dem romantischen Lädchen: Es ist dreihundert Jahre alt und verströmt Wärme und Willkommen. Ein feiner Ort, ein grandioses Gebäude. Doch dem Karma des Ökonomischen entrichtet auch das schmucke Häuschen auf der Winkelstraße 3 seinen Tribut. Auf dem Haus steht in schwarzer schöner Schreibschrift auf weißem Stein: „Schaffe und erwirb. Zahl Steuern und stirb.“


    Das Foto des Tages

    Was: Nähsalon Amore in Lauchringen

    Warum: Als Norddeutscher mit Hamburg-Reeperbahn-Bezug merke ich natürlich auf, wenn ich an einem vermeintlichen Sündenpfuhl vorbeikomme: Heimat! Aus den Augenwinkeln hatte ich ein kleines Häuschen mit recht plüschiger Auslage wahrgenommen, verziert mit dem Schriftzug AMORE. Hallo? Wird hier die körperliche Liebe vermietet? Und das in Lauchringen, das so gepflegt und ordentlich wirkt? Sofort auf die Bremse, fast einen kleinen Stau verursacht, gebremst, ausgestiegen und diese Sensation mal aus der Nähe angeschaut. Nun. Falscher Alarm. Es stellte sich schnell heraus, dass in dem kleinen Nebengebäude des Restaurants/Pubs Imperial  keine frivole Lustgrotte, sondern nur der „Nähsalon Amore“ residiert. Ich bin trotzdem reinmarschiert, allein um raus zu finden, warum man sich solch einen Namen gegeben hatte. Und wie gut war das: Die beiden wunderbaren Besitzer dieses Etablissements, Natali Michel und Salvatore Palleria, sind Italiener, sich im Überschwang zugeneigt und nennen sich stets und beidseitig nur AMORE! Wunderbare Leute, wir haben gemeinsam herzlich über meinen Anfangsverdacht gelacht.


    Der perfekte Moment

    Ich gestehe, ich bin Fußballfan. Und Besitzer einer Jahreskarte vom FC St. Pauli. Das garantiert gute Stimmung und schlechten Fußball, eine Mischkalkulation, die für mich gut aufgeht. Normalerweise ist das kein Problem. Aber hier? Ich muss ja zugeben, dass mich die scheinbar völlige Abwesenheit von Fußballverrücktheit im Landkreis Waldshut schon ein wenig irritiert. Oder sehe ich das einfach nicht? Okay, eine Freiburg-Fahne habe ich wahrgenommen, aus den Augenwinkeln. Das war in Laufenburg, in einem Garten, in dem offenbar Außerirdische = Fußballfans lebten. Das wars. Bis, ja bis ich auf dem Parkplatz von Aldi-Süd einen Mini erblickte, auf dem tatsächlich das Logo meines Vereines prangte. Mitten im Feindesland. Das war der Moment des Tages für mich. Sorry …

    Anmerkung der Redaktion Landratsamt: Wir tragen unsere Fußballliebe im Herzen und nicht dauernd zur Schau


    Wie wars für Klärchen

    Ein langer Spaziergang durch die Felder bis zum Baltersweiler Käppele oberhalb von Dettighofen, die Begegnung mit einem Schweizer Artgenossen im schicken Hofgut Albführen und als Krönung dann noch eine erbettelte Eis-Einheit im Jestettener Kaffee König – besser hätte es kaum laufen können für den verwöhnten Vierbeiner aus dem Norden. Keine Klagen von dieser Seite.