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    Mehr heimische Vielfalt im Rasen

    5 Tipps für das eigene Grün zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt am 22. Mai 2022

    Am 22. Mai ist Internationaler Tag der biologischen Vielfalt. Nachdem Gartenrasen im Siedlungsbereich große Flächen einnehmen, werden im Folgenden fünf Tipps für mehr Artenvielfalt im Gartenrasen gegeben. Haben Sie einen Gartenrasen? Dann einfach mal ausprobieren:

    1. Nur einen Teil der gesamten Rasenfläche pro Arbeitsgang mähen.
    2. Fläche nicht düngen und nach dem Mähen immer das Schnittgut entfernen.
    3. Über das Jahr (fast) die ganze Fläche mindestens zweimal abmähen.
    4. Einen Teil der Fläche möglichst nur zwei- bis dreimal pro Jahr mähen(wiesenartige Pflege).
    5. Anreichern von Rasen- bzw. Wiesenarten mit verblühten Blumensträußen.

    Foto: Ungemähter, wiesenartig gepflegter Bereich. Noch vor der Hauptblüte der Wiesenarten leuchtet eine bunt blühende Mischung aus Gartenrasenpflanzen und ersten Wiesenblumen, z. B. Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys – Bildmitte: blau), Rot-Klee (Trifolium pratense; rechte Seite: rot), Gänseblümchen (Bellis perennis; weiß und innen gelb) Zottiger Klappertopf (Rhinanthus alectorolophus; links unten und rechts oben: gelb), Kriechender Hahnenfuß (Ranunculus repens; unten und oben: gelb) und Hopfenklee (Medicago lupulina; oben: gelb). 07.05.2022.

    Ergänzende Angaben:

    Gartenrasen werden wissenschaftlich auch als Scherrasen bzw. Pippau-Rasen (Festuco rubra-Crepidetum capillaris) bezeichnet. Sie werden in Baden-Württemberg dem Biotoptyp „33.80 Zierrasen“ zugeordnet. Die Gartenrasen weisen ein breites Erscheinungsbild auf, je nach Pflegeintensität, Bodenbeschaffenheit und Beschattung. Kurzgehaltene Zierrasen werden zwar zuweilen als „ökologische Mondlandschaft“ kritisiert (Adam 1995: 103). Trotz hoher Schnittfrequenz können Rasenflächen aber durchaus einen hohen Artenreichtum aufweisen. Das gilt nicht nur für weitläufige Schlossparks oder großflächiges Gewerbegrün. Deshalb sind Gartenrasen für den Naturhaushalt und den Naturschutz durchaus von Bedeutung. Ab und an können dort sogar seltenere, gefährdete Arten der Roten Liste vorkommen. Nutzen Sie Ihre Entscheidungsmöglichkeiten.

    Zu Tipp 1:

    Nur einen Teil der gesamten Rasenfläche pro Arbeitsgang mähen. Bevor die Gesamtfläche einmal komplett gemäht ist, sollten außerdem mindestens drei Wochen vergehen. Mögliche Muster sind z. B. pro Arbeitsgang nur die Hälfte / ein Drittel / ein Viertel … mähen mit möglichst zwei bis drei Wochen Abstand zwischen den Arbeitsgängen. Damit wird verhindert, dass blütenbesuchende Insekten den größten Teil ihres Nahrungsangebotes verlieren. Bei einer Zählung (Methodik s. unten) gingen bei der ersten Mahd im Jahr 2022 rund 90 % aller Blüten im Rasen verloren. Pro 100 m² Rasenfläche lag der Verlust - hochgerechnet - bei mehr als 43.000 Blüten. Nach elf Tagen lag der Unterschied zwischen gemähter und ungemähter Fläche immer noch bei rund 27.000 Blüten je 100 m². Für viele blütenbesuchende Insekten, etwa Wildbienen, ist für das Überleben und für eine erfolgreiche Fortpflanzung das kleinräumig vorhandene Blütenangebot entscheidend. Für die ausreichende Versorgung der Brutzellen mit Nektar und Pollen braucht es eben möglichst kurze Flugwege. Ein Ausweichen auf weiter entfernt liegende Flächen ist dagegen nicht möglich. Nutzen Sie Ihre Gestaltungsmöglichkeiten. Wie wäre es mit einer Blühfläche in Herzform? Blühenden Streifen?

    Foto: Oben im Bild belassenes, ungemähtes Gewerbegrün im Landkreis Waldshut als Blühinsel mit vielen Blüten. Unten gemähter Bereich ohne Blüten. Im eigenen Garten ist die Situation grundsätzlich vergleichbar. 28.04.2022.

    Foto: Detail aus dem belassenen Blühbereich des Fotos links. Hier können Blütenbesucher wie diese kleine Wildbiene weiterhin Nahrung für sich und ihren Nachwuchs sammeln. Zur Erhaltung der Blütenvielfalt muss die Gesamtfläche dennoch regelmäßig abgemäht werden. 28.04.2022.

    Zu Tipp 2:

    Fläche nicht düngen und nach dem Mähen immer das Schnittgut entfernen (kein Mulchen). Magere Flächen lassen den Grünbestand weniger in die Höhe wachsen. So können Sie sich, ihrem Mähgerät und der Natur mehr Pause gönnen. Und es gibt mehr Platz für kleine Pflanzenarten. Dazu können auch Spezialisten selten gewordener Magerbiotope gehören wie der Feld-Thymian (Thymus pulegioides). Das Entfernen des Schnittguts hält die Fläche mager und gibt den Pflanzen ausreichend Licht, gut nachwachsen zu können. Das Schnittgut können Sie je nach Anteil an Pflanzensamen in den Kompost geben oder direkt zum Mulchen für Beerensträucher usw. nutzen. Bei Flächen mit samenragenden Pflanzen sollte das Schnittgut erst angetrocknet und nach etwa zwei Tagen, spätestens aber nach fünf Tagen von der Fläche entfernt werden. Dadurch können die Pflanzen aussamen. Wenn Sie wollen, können Sie das Schnittgut auch auf der Rasenfläche nebenan trocken. Mit den ausfallenden Samen vermehren Sie ihre Vielfalt heimischer Wiesenarten selber. Auch ohne Aussamen sind die Bestände vieler Grünlandarten stabil und nicht darauf angewiesen, jedes Jahr neu zu keimen. Manche Arten vermehren sich auch über Ausläufer.

    Zu Tipp 3:

    Über das Jahr (fast) die ganze Fläche mindestens zweimal abmähen. Ohne regelmäßiges Mähen jedes Jahr geht bereits mittelfristig die Pflanzenvielfalt im Gartenrasen stark zurück. Es verbleiben wenige hochwüchsige Pflanzenarten, häufig Gräser. Kleine Pflanzenarten können sogar ganz verloren gehen. Ein vielfältiges Blütenangebot über die ganze Gartensaison gibt es dann nicht mehr. Für die meisten Gartenrasen bzw. Gartenwiesen dürften bis zu sechs Schnitte günstig sein. Ein einziger Schnitt im Juli / August ist regelmäßig nur bei sehr mageren Flächen in über 850 m Höhenlage ausreichend. Achtung Praxis: Mähen Sie, solange Ihr technisches Gerät dem Aufwuchs noch „gewachsen“ ist. Wo Sie kurzes Grün brauchen, etwa auf dem Weg zum Kompost oder zu den Beeten, darf die Fläche natürlich wie bisher öfter gemäht werden. Frisch abgemähte Bereiche sind etwa für Amseln ideal, um Würmer zu erbeuten. Ungemähte Bereiche können z. B. vom Schachbrett, dem Schmetterling des Jahres 2019, zur Eiablage genutzt werden. Da die Flächen in Gartenrasen jedoch schnell an Blüten verarmen, sollte lange ungemähte Bereiche bzw. Altgrasflächen nur auf sehr kleinen Flächen (< 1-5 %) belassen werden. Ideal ist es, solche Teilflächen spätestens alle zwei bis drei Jahre an einer anderen Stelle anzulegen.

    Zu Tipp 4:

    Einen Teil der Fläche möglichst nur zwei- bis dreimal pro Jahr mähen (wiesenartige Pflege). Nutzungsvielfalt statt „Einfalt“. Viele unserer heimischen Wiesenpflanzen wachsen und blühen nur, wenn sie ausreichend Zeit haben. So braucht etwa die Wiesen-Flockenblumen (Centaurea jacea) besonders lange bis zur Blüte (meist erst ab Ende Mai). Manche Arten schieben Ihre Blüten dagegen schon wenige Tage nach dem Frost oder nach einer Mahd ins Sonnenlicht. Das Gänseblümchen (Bellis perennis) ist hier der klare Gewinner und kommt bestimmt auch in Ihrem Gartenrasen vor. Gänseblümchen-Blüten sind eine hübsche und essbare Deko für Salate, Suppen usw. Wollen Sie unbedingt wissen, was aus dem Stängel dort drüben für eine Blüte rauskommt und den Stängel bei der nächsten Mahd erstmal stehen lassen? Haben Sie schon den Stieglitz entdeckt, der die ersten reifenden Blumensamen von Ihrer Gartenwiese pickt? Den Schmetterling, der am Morgen noch taubesetzt auf seinem Schlafplatz sitzt? Einfach mal ausprobieren. Weil der Aufwuchs höher ist, kann evtl. die Mahd mit einer Sense oder Motorsense nötig werden. Für das typische „Gartenoutfit“ kann bei Bedarf dann nochmal der Mäher drüber.

    Zu Tipp 5:

    Anreichern mit verblühten kleinen Hand-Blumensträußen. Die Anreicherung vor allem mit Wiesen-Arten ist nur für magere Flächen mit einer (eher) wiesenartigen Pflege sinnvoll. Das Material kann z. B. von Wegrändern und ungenutzten Böschungen oder von naturnahen Gärten stammen. Haben Sie schon Ihre Nachbarin bzw. Ihren Nachbarn gefragt? Für alle Flächen in der Natur, von denen Sie Pflanzen entnehmen möchten, gilt: Nur typische Grünlandarten sammeln und nur einen kleinen Teil des Bestandes mitnehmen. Beachten Sie dabei die Handstrauß-Regel und lassen Sie die gesetzlich geschützten Arten in der Natur stehen (BMUV). Pflanzenmaterial von landwirtschaftlichen Flächen entnehmen Sie bitte nur mit Erlaubnis durch den Bewirtschafter. Und bspw. in Naturschutzgebieten gilt regelmäßig das Verbot, Pflanzen oder Pflanzenteile zu entnehmen. Die Pflanzen sollten möglichst aus der näheren Umgebung und vom gleichen Untergrund stammen – in unserem Landkreis Waldshut sind das meist basenreiche Muschelkalk-Böden oder Böden bodensaurer Grundgebirgsgesteine (Gneis / Granit). Verblühte Blumensträuße bringen Sie dann bevorzugt auf schütter bewachsene oder kleinflächig unbewachsene Stellen (direkt nach der Mahd) aus. Und die meisten Wiesenarten sind Sonnenfans, also nichts für den Schattenplatz direkt unter dem Obstbaum. Gut für „wiesenartige“ Gartenrasen geeignet und weit bei uns verbreitet sind im Landkreis Waldshut z. B. folgende Arten:

    • Wiesen-Sauerampfer (Rumex acetosa)
    • Gewöhnlicher Taubenkropf (Silene vulgaris)
    • Gewöhnliches Hornkraut (Cerastium holosteoides)
    • Rot-Klee (Trifolium pratense)
    • Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys)
    • Feld-Thymian (Thymus pulegioides) – nur für sehr trockene Standorte geeignet
    • Mittlerer Wegerich (Plantago media)
    • Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia agg.)
    • Acker-Witwenblume (Knautia arvensis)
    • Gewöhnliche Wiesenschafgarbe (Achillea millefolium)
    • Wiesen-Margerite (Leucanthemum ircutianum)
    • Gewöhnliches Ferkelkraut (Hypochaeris radicata)
    • Rauer Löwenzahn (Leontodon hispidus)
    • Kleines Habichtskraut (Hieracium pilosella)

    Im Lauf der Jahre können durchaus mehr als 25 naturraumtypische Kräuter und Gräser dazukommen!

    Wiesenartig gepflegten Bereiche sind im Garten unter mehreren Gesichtspunkten vorteilhaft. Dazu zählen u. a.

    • die Funktion als Nahrungsinsel für Blütenbesucher, wenn angrenzende Rasenflächen abgemäht sind – das kommt auch den Bestäubern Ihrer Nutzpflanzen zugute;
    • ein vielfältigeres Nahrungsangebot, das mehr verschiedenen Insektenarten Nahrung bietet;
    • Versteckmöglichkeiten für Insekten und andere Kleintiere;
    • erhöhtes Nahrungsangebot für Insekten- und Samenfresser;
    • Verbesserung des Mikroklimas auf sonnigen Flächen;
    • und nicht zuletzt: Freude an den schönen heimischen Wildblumen und Gräsern.

     

    Kleines „Forschungsprojekt“ in einem Hausgarten im Landkreis Waldshut in 2022:

    Untersucht wurden zehn Rasenflächen mit 35 cm x 35 cm Größe. Fünf dieser Rasenflächen waren am 20.04.2022 zum ersten Mal in diesem Jahr gemäht worden. Die übrigen fünf Flächen blieben ungemäht. Die Flächen wurden am 23.04.2022 erstmalig ausgezählt. Die zweite Zählung erfolgte am 01.05.2022.

    In den Probeflächen wurden verschiedene Parameter erhoben, darunter die Anzahl der Blüten (Zählung “so gut wie möglich“) und die Anzahl der blühenden Arten. Für die Anzahl der Blüten ist zu beachten, dass z. B. beim Gänseblümchen das einzelne Blütenkörbchen (aus vielen Einzelblüten), beim Rot-Klee der kugelige Blütenstand (aus mehreren Einzelblüten) oder beim Gamander-Ehrenpreis die Einzelblüte (innerhalb des Blütenstands) jeweils als „Blüte“ gezählt wurden. Berücksichtigt wurden (weitgehend) aufgeblühte, noch nicht verblühte Blüheinheiten.

    Bei der ersten Zählung gab es auf den ungemähten Flächen etwa zehnmal so viele Blüten als auf den gemähten Flächen (59,2 Blüten bzw. 6,2 Blüten). Außerdem blühten dort fast doppelt so viele Arten als auf den gemähten Flächen (7 Arten bzw. 4 Arten). Im Extrem waren es 186 (ungemäht) bzw. null (gemäht) Blüten in der Probefläche mit drei bzw. null blühenden Arten.

    Bei der zweiten Zählung gab es auf den ungemähten Flächen etwa fünfmal so viele Blüten als auf den gemähten Flächen (41 Blüten bzw. 8,4 Blüten). Außerdem blühten dort erneut deutlich mehr Arten als auf den gemähten Flächen (9 Arten bzw. 6 Arten). Im Extrem waren es 114 (ungemäht) bzw. null (gemäht) Blüten in der Probefläche mit vier bzw. null blühenden Arten. Das für die Blütenanzahl weniger deutliche Ergebnis bei der zweiten Zählung kommt u. a. dadurch zustande, dass sich die vor elf Tagen gemähten Flächen meist schon „erholt“ haben. Auf den ungemähten Flächen hat dagegen bereits die Fruchtbildung begonnen, d. h. die Vollblüte mancher Arten lag zur Zeit des ersten Schnitts und ist bei der zweiten Zählung bereits überschritten. Andere Arten sind noch nicht aufgeblüht (oder nur erste blühend Pflanzen außerhalb der kleinen Probestellen). Zu beachten ist, dass etliche Arten nur auf den „wiesenartig“ gepflegten Bereichen überhaupt regelmäßig zur Blüte kommen. Die typischen Scherrasenarten können sich dagegen nur auf den häufiger gemähten Flächen optimal entwickeln.

    Kennen Sie diese fünf „Wiesen“arten?

    (Die Lösung steht am Ende)

    LÖSUNG:

    Art 1: Acker-Witwenblume (Knautia arvensis). Die borstigen Haare am Stängel zeigen nach unten. Die einzelnen Teilblüten haben vier Kronzipfel. Siehe z. B. http://www.blumeninschwaben.de/Zweikeimblaettrige/Kardengewaechse/wit_violett.htm. 01.05.2022.

    Art 2: Wiesen-Margerite (Leucanthemum ircutianum). Die Stängel sind immer beblättert - im Gegensatz zum ähnlichen, meist deutlich kleineren Gänseblümchen, dessen Stängel immer blattlos sind. 13.09.2018.

    Art 3: Rot-Klee (Trifolium pratense). Die Blätter sind unterseits behaart, während sie beim Weiß-Klee (Trifolium repens) haarlos sind – so lassen sich die beiden Klee-Arten auch ohne Blüten unterscheiden. 07.05.2022.

    Art 4: Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys). Die Stängel haben zwei Reihen mit Haaren. Ein kleines, für die Bestimmung sehr hilfreiches Merkmal. Auf dem Foto ist das nicht erkennbar, dafür umso besser in Ihrem Garten. 01.05.2022.

    Art 5: Feld-Thymian (Thymus pulegioides) mit Hummel-Besuch. Die roten bis rotvioletten Blütenstände sind kopfig oder walzlich. Da die Pflanze nur sehr niedrig wächst, kann sie nur auf sehr mageren und sonnig-trockenen Stellen wachsen. 11.07.2018.

     

    Text und Fotos ©: Alexander Frisch


    Quellen: