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Die Rotbuche – Baum des Jahres 2022

Die Rotbuche (Fagus sylvatica) ist Baum des Jahres 2022. Sie ist die häufigste Laubbaumart in Deutschlands Wäldern (15 %) wie auch im Landkreis Waldshut (20 %). Die Rotbuche kann bei uns unter sehr unterschiedlichen Umweltbedingungen wachsen und hat keine besonderen Ansprüche an den Standort. Einzig Nässe und Hänge mit Bodenbewegung meidet sie. Daher fehlt sie in Au- und Moorwäldern sowie meist auch in Schluchtwaldbeständen.

Das Holz der Rotbuche eignet sich hervorragend zur Möbelherstellung für den Innenbereich, da es sehr hart ist. Unter den heimischen Hölzern hat die Buche einen sehr hohen Brennwert und wird deshalb von der Bronzezeit bis heute auch als Brennholz geschätzt. Andere Nutzungen des Buchenholzes, etwa die Herstellung von Holzkohle, sind bei uns wirtschaftlich nicht mehr bedeutsam. Allerdings bietet sich bei den Dachsberger Kohlenmeilertagen die Möglichkeit, das alte Gewerbe der Köhlerei hautnah zu erleben.

Typisch für die Rotbuche ist ihre hellgraue und glatte Rinde. Die Stämme werden rund 35 bis 45 Meter hoch. Die eiförmigen, vorne zugespitzten Buchenblätter sind im Frühling hellgrün. Bei Spätfrösten, wie sie im Südschwarzwald immer wieder auftreten, sterben die frisch ausgetriebenen Blätter ab und verfärben sich braun. Im Anschluss erfolgt ein Austrieb neuer Blätter, um die Schäden auszugleichen. Im Sommer ist das Laub dunkelgrün. Und im Herbst verfärben sich die Blätter zunächst blassgelb, später orangenrot bis rotbraun. Die Früchte der Rotbuche werden Bucheckern genannt. Für Vögel und Nagetiere sind sie eine wichtige Nahrung.

Die Rotbuche kommt nur in Europa vor mit Schwerpunkt in Mitteleuropa. Dort bildet sie verschiedene Waldtypen. Die größte Bedrohung dieser Buchenwälder liegt in der Art der Bewirtschaftung. In der Forstwirtschaft wurden und werden oft andere Baumarten angepflanzt, um höhere Erträge zu erzielen. Dabei wird die Buche durch andere Holzarten, bisher oft Fichte (Picea abies), ersetzt. Auch Forstwegebau und Stickstoffeintrag durch die Luft (Eutrophierung) gelten als weitere Gefährdungsfaktoren.

Um diesen Bedrohungen entgegen zu wirken und weil Buchenwälder eine hohe Bedeutung für den Naturhaushalt haben, sind sie europarechtlich geschützt. Dazu wurden besondere Schutzgebiete nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (kurz: FFH-RL) eingerichtet, sog. FFH-Gebiete. Hier ist eine forstwirtschaftliche Nutzung unter Erhaltung der Lebensräume und ihrer Ausprägungen möglich. Für den Landkreis Waldshut werden hier vier geschützte Buchenwald-Lebensraumtypen unterschieden:

1) Hainsimsen-Buchenwälder (FFH Code 9110) sind typisch für unsere sauren Böden über Grundgebirgsgestein (v. a. Gneise und Granite) im Südschwarzwald. Oft sind die Bestände hallenartig ausgebildet (kein Unterwuchs, lange Stämme mit hochliegendem Ansatz der Baumkrone). Auf trockenen Standorten kommt gelegentlich die Heidelbeere (Vaccinium mytrillus) in der Krautschicht vor. In den örtlichen FFH-Gebieten nehmen die Hainsimsen-Buchenwälder rund 1900 ha Fläche ein. Dies entspricht einem Anteil von etwa 8 % der Waldfläche in den FFH-Gebieten.

2) Waldmeister-Buchenwälder (FFH Code 9130) brauchen basenreiche Böden und kommen deshalb vor allem in unseren Muschelkalkgebieten vor. Besonders markant sind viele Frühlingsblumen, die das Licht vor dem Laubaustrieb der Rotbuche nutzen. Dazu zählen etwa Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Frühlings-Platterbse (Lathyrus vernus), Große Schlüsselblume (Primula elatior) und Leberblümchen (Hepatica nobilis).

In den örtlichen FFH-Gebieten kommen die Waldmeister-Buchenwälder mit rund 3700 ha vor. Dies entspricht einem Anteil von rund 15 % der Waldfläche in den FFH-Gebieten.

3) Mitteleuropäische subalpine Buchenwälder (FFH Code 9140 [Foto] sind bei uns beschränkt auf die Hochlagen des Feldberggebietes ab etwa 1100 m. Kennzeichnend ist die begrenzte Wuchskraft der Rotbuche. Dies ermöglicht eine Beimischung des Berg-Ahorns (Acer pseudoplatanus) und verschiedener subalpiner Hochstauden.

In den örtlichen FFH-Gebieten kommen die Mitteleuropäischen subalpinen Buchenwälder mit nur knapp 120 ha vor. Dies entspricht einem Anteil von etwa 0,5 % der Waldfläche in den FFH-Gebieten.

4) Mitteleuropäische Orchideen-Kalk-Buchenwälder (FFH Code 9150) kommen nur auf besonders trockenen Standorten basenreicher Böden vor. Durch die Trockenheit ist hier die Rotbuche ebenfalls eingeschränkt und weniger dominant. Typisch sind licht- und wärmeliebende Arten Die Bestände sind nur kleinflächig ausgebildet. In den örtlichen FFH-Gebieten kommen die Mitteleuropäischen Orchideen-Kalk-Buchenwälder entsprechend mit nur etwas mehr als 20 ha vor. Dies entspricht einem Anteil von weniger als 0,01 % der dortigen Waldflächen.

Da die FFH-Gebiete teilweise über den Landkreis Waldshut hinausreichen, sind die oben genannten Flächenangaben zu den einzelnen Lebensraumtypen regelmäßig größer als die Bestandsflächen im Landkreis Waldshut selbst.

Und: Wussten Sie, dass …

… die Rotbuche als „Wasserwerk des Waldes“ gilt? Im laubfreien Zustand fließt ein Großteil des Niederschlags als Stammabfluss direkt in den Waldboden.

… das Kronendach der Rotbuche einen besonders starken Schatten wirft? Als Baumarten können nur Eibe (Taxus baccata), Stechpalme (Ilex aquifolium), Weiß-Tanne (Abies alba) und der eigene Nachwuchs der Buche in diesem Schatten überleben.

… in Baden-Württemberg die Rotbuche der häufigste Nistbaum des Schwarzspechts (Dryocopus martius) ist? Etwa jeder zweite Nistbaum dieser europaweit größten Spechtart ist eine Rotbuche. Viele weitere Tierarten sind auf diese Höhlen angewiesen, die sie nach Auszug des Schwarzspechts nutzen. Hierzu zählen etwa Kleiber (Sitta europaea) und Hohltaube (Columba oenas) sowie verschiedene Fledermausarten.

… die Neuanlage einer Schwarzspechthöhle durchaus fünf bis sechs Jahre in Anspruch nimmt?

… für die Herstellung von 1 kg Holzkohle rund 4 - 10 kg Holz benötigt werden?

… es im Landkreis Waldshut Hunderte von alten Kohlemeilerplätzen gibt? Die dort noch vorhandenen Holzkohlereste enthalten wichtige Informationen über die früheren Wälder.

… Anthrakologie die Wissenschaft der Holzkohleanalyse ist?

… Bucheckern für Menschen leicht giftig sind? In Notzeiten wurden die Bucheckern dennoch beispielsweise zur Ölherstellung und zur Herstellung von Kaffeeersatz verwendet.

…  die Bucheckern im Winter teils riesige Schwärme von Bergfinken (Fringilla montifringilla) anlocken? Ein solcher Masseneinflug war z. B. nördlich von Görwihl im Winter 2009 / 2010 zu erleben und wurde von Apel (2012) beschrieben.

Spätfrostschäden an der Rotbuche mit auffälliger Laubverfärbung.
Spätfrostschäden an der Rotbuche mit auffälliger Laubverfärbung.
Hallenartig ausgeprägter Hainsimsen-Buchenwald mit frisch ausgetriebenem Laub.
Hallenartig ausgeprägter Hainsimsen-Buchenwald mit frisch ausgetriebenem Laub. Rickenbach, Mai 2012
Buschwindröschen (Anemone nemorosa) in einem Waldmeister-Buchenwald zählen zu den ersten Frühlingsblumen im Jahr.
Buschwindröschen (Anemone nemorosa) in einem Waldmeister-Buchenwald zählen zu den ersten Frühlingsblumen im Jahr. Waldshut-Tiengen, März 2021.
Der subalpine Alpen-Milchlattich (Cicerbita alpina) ist eine typische Art der Mitteleuropäischen subalpinen Buchenwälder.
Der subalpine Alpen-Milchlattich (Cicerbita alpina) ist eine typische Art der Mitteleuropäischen subalpinen Buchenwälder. Sankt Blasien, Juli 2021.
Von den Arten der Mitteleuropäischen Orchideen-Kalk-Buchenwälder ist das Immenblatt (Melittis melissophyllum) durch seine großen Blüten besonders auffällig und vergleichsweise häufig anzutreffen.
Von den Arten der Mitteleuropäischen Orchideen-Kalk-Buchenwälder ist das Immenblatt (Melittis melissophyllum) durch seine großen Blüten besonders auffällig und vergleichsweise häufig anzutreffen. Waldshut-Tiengen, Mai 2020.
Spechthöhle in einem Buchenstamm.
Spechthöhle in einem Buchenstamm. Görwihl, März 2021

Quellen:

 

Text: Vanessa Rogg und Alexander Frisch

Fotos ©: Alexander Frisch